Anton Bruckner Chronologie Datenbank

Anton Bruckner Institut Linz (ABIL)
© Scheder, Franz: Anton Bruckner Chronologie Datenbank.- ABIL 24.05.2011
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Sortiercode: 186910065
Datum:  6.10.1869, Mittwoch
Text:  Kritik (vermutlich Mayfelds) in der Linzer Zeitung S. 969 [*a] mit Erwähnung einer soeben beendeten Symphonie [»Nullte«] (*):
»A. Bruckner's Messe.
   P [recte »D«?]. Linz, 29. September. Bei der Consecrationsfeier der Votivcapelle des zu erbauenden Domes kam eine von Professor Anton Bruckner eigens hiezu componirte Messe zur Aufführung. Hart am Eingange der Kapelle erhob sich das Dirigentenpult, um welches sich eine zahlreiche Schaar der singenden Kräfte in Linz, wacker unterstützt von herzugekommenen Fremden, reihte. Die Alti setzten im ruhig gehaltenen Grundtone e ein, ihnen folgten soprani in der Quint, hierauf alti primi in der kleinen Terz und sodann soprani primi. Das eben so geführte Männerquartett folgte; wir hatten es mit einer achtstimmigen Messe in E-moll zu thun. Die Messe wird durch die beigegebene Blasharmonie auf das trefflichste gehoben. Ueber die contrapunktische Führung der Stimmen oder über die Instrumentirung nur ein Wort zu verlieren, wäre überflüssig; sie verrathen den theoretisch gebildeten tiefen Künstler. Bezüglich der Conception und der hierin zum Ausdrucke kommenden, erhebenden Stimmung können wir Herrn Professor Bruckner nur gratuliren. In dieser Richtung wüßten wir wahrhaftig nicht, welchen Theil der Messe wir höher stellen sollten. Das Gloria mit seinem wundervoll eintretenden suscipe und leise verklingenden miserere nobis, in Wahrheit das inbrünstig flehende Gebet des gegen die unendliche Gottheit in Nichts zerfallenden Ich um Erhörung, um Erbarmung; oder das Credo in seiner unisonen, an die Einheit mahnenden Führung mit dem im schmerzlich ruhigen Tone gehaltenen et incarnatus est und dem hingehauchten passus et sepultus est, der lebendige Ausdruck des in Zerknirschung ersterbenden Gemüthes. Noch durchbebt von der hohen Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu Christi, durchzuckt ein Freudenstrahl die Seele des Künstlers, ein Wunder ist geschehen, der Heiland ist erstanden. In allen Stimmen jauchzt die Seele empor "et resurrexit" und tritt in männlicher Erhebung heran an die erschütternden Posaunenrufe des Weltgerichts. Von reizender Schönheit ist das benedictus in seiner weihevollen Stimmung, eben so anerkenneswerth die Versöhnungsbitte des "Agnus Dei" und das flehende Dona nobis pacem. Das benedictus erfordert eine besonders ruhige Durchführung in dem legato der reichen Melismen, die uns nicht ganz zum Ausdrucke zu kommen schienen.
   Die Aufführung der Messe war, wenn wir uns überhaupt eine Kritik erlauben dürfen, eine ganz vorzügliche. Wir sehen von einzelnen Kleinigkeiten bei den durch die Beschaffenheit des Platzes hervorgerufenen Schwierigkeiten natürlich mit Recht ab. Desto mehr möchten wir wünschen, dieses Werk in einem hiefür geeigneten Raume aufführen zu hören, wodurch die reichen Schönheiten desselben noch mehr hervortreten würden. Für die vielen Freunde Bruckners wollen wir nur constatiren, daß diese Messe, die in mancher Beziehung einen gewaltigen Fortschritt gegen die D-Messe vom Jahre 1864 bekundet, in die Zeit seines Linzer Aufenthaltes fällt, indem dieselbe bereits im Jahre 1866 beendet worden ist. Professor Bruckner wird um so mehr jetzt zu fortwährendem, neuen Schaffen angeregt sein, wie es auch eine erst vor Kurzem beendete Symphonie beweist. Möge es uns gegönnt sein, hier auch weitere Werke Bruckners zu hören, dem wir zu seinen schönen Erfolgen in der Kunst auf das Wärmste gratuliren.« (*).

Beginn der Besprechung der e-moll-Messe durch Joh. Ev. Habert im Linzer Volksblatt Nr. 229 (**):
»Plauderstübchen.
Die Aufführung der Bruckner'schen Fest-
Messe 
bei der feierlichen Einweihung der Votivkapelle
des Mariä-Empfängniß-Domes in Linz.
   "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter." Dieses Wort tönte als Grundgedanke während dieser erhabenen Feierlichkeit immer in meinem Innern. Als ich in die prachtvolle Kapelle trat, die trotz des kleinen Raumes schon eine schöne Anzahl von Kunstwerken aufweist, da verkündete jedes Spruchband, jede Figur, jede Verzierung, jeder Stein, alle Andächtigen, Alles, Alles das Lob und Preis der unbefleckt Empfangenen. Es kam mir vor, als wäre das profetische Wort hier zur feststehenden That geworden, welche wieder immer dieses Wort verkündet. Daß mich dieses Wort besonders bewegte während der Aufführung der Festmesse von Bruckner, werde ich wohl nicht noch eigens sagen müssen. Vielleicht mache ich manchem Besucher dieses großartigen Festes eine kleine Freude, wenn wir in der Erinnerung mitsamen nochmals die Schönheiten dieses Werkes an uns vorüberziehen lassen.
   Leise tritt im Kyrie in E-moll eine Stimme des ersten Chores, (2 Sopran und 2 Alt) nach der andern ein und sie vereinigen sich in demuthsvoller Bitte um Erbarmen. Nach einer halben Cadenz trit [sic!] der Männerchor auf gleiche Weise ein, und wiederholt diese Bitte. Nach einer schönen Wendung von Fis-dur nach D-dur schließt in dieser Tonart der Männerchor. In dieser Cadenz tritt ganz unscheinbar eine Nachahmung ein in den Tenorstimmen, deren Thema später mehr erscheint und besonders zum Schluße des Kyrie wieder als Nachahmung im Tenor und Sopran auftritt, und an dieser Stelle von der ergreifendsten Wirkung ist. Mit dem Christe, das wieder der 1. Chor beginnt, fängt eine prächtige kontrapunktische Arbeit an. Nachdem in diesem Chor das Hauptthema durchgeführt ist, mischt sich der 2. Chor mit dem 1., jedoch wird das Thema in der verkehrten Bewegung durchgeführt, Engführungen steigern die Bitte und drängen zu einem ff., einem dringenden, tiefen Ruf um Erhörung. Im 2. Kyrie nun, das wieder wie am Anfange der 1. Chor beginnt, macht sich im 2. Sopran oben erwähnte Figur schon mehr geltend, und besonders in dem nun früher eintretenden Männerchore. In enger Nachahnung drängt sie endlich zu einem gewaltigen Ruf, welchem gleichsam in stiller Ergebung in dem Willen des Herrn eine Cadenz piano folgt. Aber nochmals wagt es die Seele ganz leise die Erbarmung des Herrn anzuflehen. Der Tenor beginnt mit der bekannten Figur, der Sopran setzt um einen halben Takt später und um einen halben Ton höher ein und nun beginnt auf dem Grundtone E, den der Baß hält, die oben erwähnte ergreifende Nachahmung, welcher der endliche Schluß mit dem versöhnenden E-dur Dreiklange folgt.
   Sopran und Alt beginnen unisono im Gloria und piano: Et in terra pax hominibus, (und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind). Die Fagotte geben in gebrochenen Akkorden den Baß. In mächtigen Dreiklängen erfolgt darauf mit Begleitung sämmtlicher Blasinstrumente: Laudamus te, (wir loben dich u. s. w.) Andächtig und leise ertönt: Adoramus te, (wir beten dich an) und jubelnd folgt glorificamus te, (wir verherrlichen dich). So folgen im Verlaufe des Gloria die schönsten Gegensätze, Licht und Schatten, demüthige Bitte, Lob und Preis in den einfachsten Harmoniewendungen und in raschen, glänzenden und mächtigen Accorden. Wir müßten den Text vollständig durchgehen, um alles zu sagen; aber es würde der Aufsatz zu weitläfig [sic!] werden. Erwähnen wir noch den Mittelsatz: Qui tollis peccata mundi u. s. w. und zum Schluße die kurze Fuge mit ihrer kunstvollen Durchführung. Bei der Fuge war es mir, als hätte sie in einem bewegteren Tempo aufgeführt werden sollen. Als die letzten Akkorde verklungen waren, stand ich da, und hätte gerne so recht von Herzen geweint, denn diese zwei Sätze Kyrie und Gloria hatten mich mächtig ergriffen. Ich sehnte mich allein zu sein, um meinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können. Das muß eine gute Musik sein, die eine so mächtige Wirkung, so edle Gefühle hervorbringt. Mit Verehrung sah ich auf den Komponisten, von dem ich bei dieser Gelegenheit das erste Werk hörte.
(Fortsetzung folgt.)«

Literatur:  (*a) ABIL-Dokumentation
(*) 451/88, Text (ohne Datierung) bei 34/557-559 und 45/125-127, hier wiedergegeben nach dem Faksimile (800/..)
(**) 148/69,Anm.2, 451/85, kompletter Text bei 34/551-557, hier wiedergegeben nach dem Faksimile (800/..)
Faksimile:  (*) 451/88f
(**) 451/85f
Anmerkung:  (**) Weitere Besprechung am 7.10.1869 (Nr.230) und 9.10.1869 (Nr.232).

[?] Ein zweiter Artikel Haberts erschien ca. November/Dezember 1869.