Anton Bruckner Chronologie Datenbank

Anton Bruckner Institut Linz (ABIL)
© Scheder, Franz: Anton Bruckner Chronologie Datenbank.- ABIL 24.05.2011
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Datum:  November/Dezember 1869
Text:  Besprechung der e-moll-Messe durch Joh. Ev. Habert in seiner »Zeitschrift für katholische Kirchenmusik« Nr. 11/12 auf S. 98ff:
»Feuilleton.
Die Aufführung der Bruckner'schen Fest-Messe bei der feierlichen Ein-
weihung der Votivkapelle des Mariä-Empfängniß-Domes in Linz am
29. September d. J.
   "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter." Dieses Wort tönte als Grundgedanke während dieser erhabenen Feierlichkeit immer in meinem Innern. Als ich in die prachtvolle Kapelle trat. [sic!] Die trotz des kleinen Raumes schon eine schöne Anzahl von Kunstwerken aufweist, da verkündete jedes Spruchband, jede Figur, jede Verzierung, jeder Stein, alle Andächtigen, Alles, Alles das Lob und Preis der unbefleckt Empfangenen. Es kam mir vor, als wäre das prophetische Wort hier zur feststehenden That geworden, welche immer wieder dieses Wort verkündet. Dass mich dieses Wort besonders bewegte während der Aufführung der Festmesse von Bruckner, werde ich wohl nicht noch eigens sagen müssen.
   Die Messe ist für 8 Singstimmen geschrieben: 2 Sopran, 2 Alt, 2 Tenor und 2 Bässe. Da sie im Freien aufgeführt werden musste, so wurden als Begleitung beigegeben 2 Oboen, 2 Clarinetten, 2 Fagotte, 4 Horn, 2 Trompeten, 3 Posaunen. Lieber Leser, der du etwa der Instrumentalmusik nicht sehr gewogen bist, du wirst vielleicht lachen oder dich ärgern über diese Menge von Blasinstrumenten. Ich versichere dich erstens: dass die Zusammenstellung der Vollständigkeit wegen nicht anders sein kann, und zweitens: dass Herr Bruckner recht gut weiss, wie man solche Instrumente behandeln muss. Wenn man auf Messen denkt, bei denen neben Streichinstrumenten nur 2 Horn sind, welche aber ihre Naturtöne bei jeder sich darbietenden Gelegenheit hören lassen, wo man also sagen kann, da sind 2 Horn schon zu viel, ja dann könnte einem bei einer so grossen Besetzung Angst werden. Doch gehen wir an unsere Aufgabe.
   Leise tritt im Kyrie E-moll eine Stimme des ersten Chores, (2 Sopran und 2 Alt) nach der andern ein und sie vereinigen sich in demuthsvoller Bitte um Erbarmen. Nach beiläufig 20 Takten schliesst der Chor auf der Dominante mit einer halben Cadenz. Nun tritt in E-moll, auf die gleiche Weise, wie der erste Chor, der Männerchor ein und wiederholt diese Bitte. Jedoch wird auf andere Weise modulirt und nach einer schönen Wendung von Fis-dur nach D-dur schliesst in dieser Tonart der Männerchor das erste Kyrie. In dieser Cadenz tritt eine ganz unscheinbare Figur im ersten Tenor auf, welche vom zweiten sogleich nachgeahmt wird, die später mehr erscheint und besonders beim Schlusse des letzten Kyrie von der ergreifendsten Wirkung ist. Mit dem Christe, das wieder der erste Chor beginnt, fängt eine prächtige contrapunktische Arbeit an, während das Kyrie hauptsächlich homophon gehalten ist. Nachdem dieser Chor das schöne Hauptthema durchgeführt hat, mischt sich der zweite mit ihm, jedoch wird vom Männerchor das Thema in der verkehrten Bewegung durchgeführt. Engführungen steigern die Bitte und drängen zu einem ff, einem dringenden, tiefen Ruf um Erhörung. Im letzten Kyrie nun, das wieder, wie im Anfange, der erste Chor auf gleiche Weise beginnt, macht sich jedoch im 2. Sopran oben erwähnte Figur schon mehr geltend, und besonders im Männerchor, der jetzt schon nach fünf Takten eintritt. In enger Nachahmung drängt sie endlich zu einem gewaltigen Ruf, welchem gleichsam in stiller Ergebung in den Willen des Herrn eine stille Cadenz folgt. Aber nochmals wagt es die Seele ganz leise die Erbarmung des Herrn anzuflehen. Der Tenor beginnt mit der mehr erwähnten Figur, der Sopran setzt um einen halben Takt später und um einen halben Ton höher ein und nun beginnt, während der Bass den Hauptton E festhält, eine ergreifende Nachahmung, die zum endlichen Schlusse führt, der nach vorausgegangenem A-moll-Dreiklange und der weichen, verminderten Vierklangsharmonie, mit dem versöhnenden E-dur-Dreiklange folgt. - Von den Instrumenten sind nur die Hörner und Posaunen bei einigen Fortestellen angewendet, jedoch unobligat, und sie blieben bei der Aufführung weg. - 
   [...?] Sopran und Alt beginnen unisono, choralartig und piano: Et in terra pax hominibus: die Fagotte geben in gebrochenen Akkorden den Bass. In mächtigen Dreiklängen erfolgt darauf mit Begleitung sämmtlicher Blasinstrumente: Laudamus te, Benedicimus te. Andächtig und leise ertönt ohne Begleitung das Adoramus te und jubelnd klingt darauf wieder mit voller Begleitung das Glorificamus te. So folgen im Verlaufe des Gloria die schönsten Gegensätze, Licht und Schatten, demüthige Bitte, Lob und Preis in den einfachsten Harmoniewendungen und in raschen, glänzenden und mächtigen Akkorden. Wir müssten den Text vollständig mitsammen durchgehen, um Alles sagen zu können; aber der Aufsatz würde zu weitläufig werden. Nehmen wir noch den Mittelsatz heraus: Qui tollis peccata mundi bis zum Quoniam, der mit der grössten Wahrheit im Ausdrucke wiedergegeben ist, und erwähnen wir noch der kurzen, kunstvollen Schlussfuge. Bei dieser war es mir, als hätte sie in einem bewegteren Tempo aufgeführt werden sollen. - Als die letzten Akkorde verklungen waren, stand ich da, und hätte gerne so recht von Herzen geweint, denn diese zwei Sätze, Kyrie und Gloria hatten mich mächtig ergriffen. Ich sehnte mich allein, ungesehen zu sein, um meinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können. Das muss eine gute Musik sein, die eine so mächtige Wirkung, so edle Gefühle hervorzubringen im Stande ist. Mit Verehrung sah ich auf den Kompositeur, der die Aufführung leitete, von dem ich bei dieser Gelegenheit das erste Werk hörte.
   Der erste Theil des Credo ist zum grössten Theile unisono, sowohl in den Sing- als in den Blasstimmen, welche die ersteren nachahmen, behandelt. Ich für meinen Theil, liebe lange Unisono-Sätze in mehrstimmigen Kirchencompositionen nicht, darum vielleicht dieser und der letzte Satz des Credo nicht so auf mich wirkten, wie das übrige. Dafür aber wirkte das Et incarnatus est und das Crucifixus um so mächtiger; besonders schön ist im ersteren der rasche aber natürliche Uebergang bei virgine, und bei letzterem die schönen, einfachen Dreiklangfolgen bei Crucifixus und et sepultus est. Hübsch und originell ist beim Crucifixus die Instrumentirung. Et incarnatus est hat keine Instrumentalbegleitung bis auf 2 Takte: beim Crucifixus aber treten pp die Fagotte und Clarinetten in Oktaven, die Horn choralartig unisono auf. - Im Doppelchor beginnt mit einfachen aber kräftigen Dreiklängen das Et resurrexit, die Auferstehung des Herrn, seine Himmelfahrt und die Besitznahme seines ewigen Reiches betrachtend. Bei den Worten Et in Spiritum sanctum beginnt das Unisono-Thema wieder wie am Anfange, unterbrochen bei simul adoratur von herrlichen Dreiklängen pp, und ff bei et conglorificatur. Bei Confiteor erscheint wieder die Unisono-Figur, wohl anders durchgeführt und im Verlaufe dann noch zweimal. Mit einem breiten, kräftigen Amen schliesst der Satz.
   Im Sanctus treten die Singstimmen nach und nach ein, je zwei verfolgen das Thema in enger Nachahmung, und beginnen das Heilig leise, im Verlaufe aber immer stärker zu singen. Durch das Eintreten neuer Stimmen und durch die Uebernahme des Thema von andern Stimmen wird hier eine Wirkung hervorgebracht, als sängen nicht acht, sondern hundert Stimmen das dreimal Heilig, und man wird unwillkürlich an die Töne der Engel erinnert. Das ist ein achtstimmiger Satz, vor dem man Respekt haben muss; da kann man von Contrapunkt reden! Bei Dominus Deus Sabaoth treten die Blechblasinstrumente hinzu, und heben die Worte, welche auf den einzigen D-dur Akkord gesungen werden, kräftig hervor. Leider wurde die beabsichtigte Wirkung vereitelt, da die Sänger gesunken waren und so statt einer kräftigen Harmonie eine gräuliche Disharmonie hervorgebracht wurde. Wer weiss, dass das Vorhergehende sehr anstrengend zu singen ist, wird gewiss sehr gerne die Lossprechung ertheilen. Bei dem Worte Sabaoth erhoben sich die Sänger wieder und weiter ging es zum Pleni, bei welchem die Posaunen mit Unterstützung der Fagotte und Hörner das Thema des Sanctus in enger Nachahmung markirt vortragen, während die Chöre in kräftigen Akkorden die Harmonie tragen.
   Die schwierigste Parthie der Messe ist unstreitig das Benedictus. Ein Horn beginnt mit dem Thema, das, ganz chromatisch uns schon ahnen lässt, dass wir hier hauptsächlich eine chromatische Arbeit zu hören bekommen. Bei der zweiten Durchführung übernehmen die Oboen das Thema und bei der letzten die Fagotte in den tiefsten Tönen. Wir haben mit Vergnügen bei den Schönheiten der Messe verweilt, und ich glaube, wenn ich nun gestehe, dass das Benediktus der Chromatik wegen, einen niederdrückenden, oft peinlichen Eindruck auf mich machte, man mir nicht vorwerfen wird, als wollte ich mich bemühen das Werk zu verkleinern. O nein! Nichts liegt mir ferner. Würde ich das Werk nicht für so bedeutend halten, so würde ich mich nicht so lange mit demselben beschäftigen. Ich sehe den großen Werth, den diese Nummer als Composition hat; aber ich denke mir, ein Benediktus soll hell und klar sein. "Der da kommt im Namen des Herrn," bringt uns den Frieden. Die Chromatik dieser Art aber kann nach meiner Ansicht den innern Frieden, die innere Ruhe nicht so ausdrücken, da sie aufregt, und darum an ihrem Platze ist, wo Leidenschaften, Unruhe, Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit darzustellen sind. Man missverstehe mich nicht. Ich bin kein Feind der Chromatik, und ich bin auch nicht der Ansicht, dass sie der Kirchenmusik gänzlich ferne bleiben soll, denn ich würde beweisen, dass ich die klassischen Meisterwerke der alten Italiener nicht kenne, (ich erinnere an das wundervolle Requiem von Pitoni in Proske's Musica divina); aber Chromatik und Chromatik ist nicht einerlei. Wer das genauer sehen will, der sehe eben das bezeichnete Requiem an und daneben die modernen, chromatische Werke der Neuzeit z. B. Wagner'sche Compositionen, und er wird den Unterschied kennen lernen, der zwischen Chromatik und Chromatik ist.
   In dem bezeichneten Umstande liegt auch die Schuld, warum dieser Satz der schwierigste ist. Da gehören Kräfte dazu, die man gewöhnlich nicht hat, und so wird das auch zur Ursache, dass man ein Werk, das man öfter hören soll, nicht hören kann. Es schliesst sich beinahe selbst vom Repertoir aus, und das ist Schade. Herr Bruckner kann von den Proben erzählen, und es weiss Niemand, wie viele Mühe ihm das Einstudieren der Messe verursacht hat. Auch an die Bläser der Holzinstrumente werden durch das Ausweichen in entfernte Tonarten Anforderungen gemacht, die man schon mit riesig bezeichnen kann, und es ist ganz billig, dass hier der Leistungen der ausübenden Künstler ganz besonders lobend gedacht wird.
   Choralartig beginnt das Agnus Dei; sehr schön ist das Miserere nobis ausgedrückt, die Vorhalte sind hier von prächtiger Wirkung; eben so hübsch ist der Schluss des Miserere, wo der Männerchor choralartig auftritt, der 1. Chor über ihm aber dreistimmig singt. Besonders schön beginnt das Dona nobis; das ist eine Bitte um Frieden so recht aus dem Herzen.
   Ueberblicken wir nun das ganze Werk, so muss gewiss Jedermann gestehen, dass diese Komposition zu den bedeutendsten der Gegenwart gehört. Bin ich auch in manchen Punkten anderer Ansicht, so hindert mich das nicht zu sagen, dass ich diese Messe sehr hoch schätze, und weit höher stelle als so viele andere Messen, von welchen uns in der Neuzeit beinahe Wunder erzählt wurden.
   Der Eindruck auf die Andächtigen war unverkennbar ein grosser, und von vielen Seiten, auch von gewöhnlichen Landleuten, hörte ich die Schönheit der Messe bewundern. Die Aufführung selbst muss man als eine ganz gelungene bezeichnen; das eine Malheur im Sanctus kann man schon passiren lassen. Sowohl der Gesangschor, als auch die begleitenden Blasinstrumente leisteten Grosses. Ich möchte diese Messe mit 400 Sängern und in einer grossen Domkirche, nicht im Freien, hören; gewiss würden manche Parthien noch mehr gewinnen.
   So wie die Feier der Einweihung selbst allen Anwesenden unvergesslich sein wird, so wird auch die Aufführung der Messe gewiss allen unvergesslich bleiben, und gewiss werden Alle Herrn Bruckner ein recht freundliches Andenken bewahren.
J. E. H.«
Literatur:  451/82, ABIL-Dokumentation, Linzer Zeitung vom 5.1.1870, 307/25,Anm.1, bei 903/614 »Doppelnummer 11/12«, Textzitate bei 273/16f und 459/42
Faksimile:  Ganzer Artikel bei 451/82-85
Anmerkung:  Haberts Text ist nahezu identisch mit dem vom 6.-9.10.1869 (451/81). - Mayfelds Besprechung siehe 6.10.1869. - Die Datierung beruht auf der vorläufigen Annahme, daß die Zeitschrift in monatlichen Nummern erschien (vgl. 307/25). Bei einigen Autoren ist die Heftnummer mit 10 angegeben, was nicht stimmen kann, da sich auf S. 100 Druckfehlerberichtigungen zum Heft Nr. 10 befinden.